Finnlands tiefste Waldeslust
NORR 3/2005Für die Finnen ist der Oulanka Nationalpark der Wald der Wälder, der Inbegriff der großartigen Natur ihres Landes. Hierher kommt man, um zu wandern, um sich zu erholen und eins zu werden mit der Seele des Waldes.
Fotos: Paavo Hamunen
Stellen Sie sich einen Wald vor, der seit über hundert Jahren keine Axt und keine Säge gesehen hat. Stellen Sie sich vor, wie es sich anfühlt, den Kopf auf weichem, frischem Moos zu lagern. Stellen Sie sich die ebenso gewaltige wie harmonische Kakophonie von Stromschnellen vor, die sich irgendwo tief unter Ihnen ihren Weg durch die Felswände bahnen.
Und dann stellen Sie sich vor, dass es das alles tatsächlich gibt. Für Sie.
Aber so war es am Anfang gar nicht gedacht.
Als ein finnischer Geograph im späten 19. Jahrhundert den Vorschlag machte, in der unbewohnten Wildnis nahe der Kleinstadt Kuusamo einen Nationalpark einzurichten, wusste er, warum: Dieses Gebiet mit seiner vielfältigen und artenreichen Natur, mit seinen hohen Bergen und tiefen Flüssen würde jedem Reisenden gefallen. Außerdem, betonte er, seien im Zeitalter des Fahrrads große Entfernungen nicht mehr so abschreckend. Außer natürlich für Ausländer.
"Aber wir sollten ausnahmsweise den Gedanken beiseite lassen, dass alles unbedingt den Leuten aus England und Sankt Petersburg gefallen muss. Wir müssen auch einmal an unsere eigenen Landsleute denken."
Und so geschah es. Natürlich dauerte es seine Zeit. Erst im Jahr 1956, nach langem "wenn" und "aber", wurde der Oulanka-Nationalpark gegründet, doch dann wurde er schnell zu einem unerschütterlichen Symbol für das, was die Finnen unter ihrer Natur verstehen: hügelige Landschaft, tiefe Wälder, ungezähmte Stromschnellen, gewundene Flussläufe, dunkelblaue Seen, mächtige Adler, die sich in den Baumwipfeln niederlassen. Der legendäre Wanderweg Karhunkierros, zu deutsch "Bärenschleife", der durch den Nationalpark führt, ist der bekannteste und beliebteste in ganz Finnland. Wenn man einen Finnen fragt, ob er schon einmal auf dem Karhunkierros gewandert sei, wird er sich nicht trauen, etwas anderes zu antworten als "Na klar!" – auch wenn es eventuell geschwindelt ist.
Aber die Vorstellung, diese Nationallandschaft für uns zu behalten, ist
selbstverständlich altmodisch. Die Natur kennt keine Staatsgrenzen.
Und hier kommt dann auch Ihr Kopf auf dem weichen Mooskissen wieder ins Spiel.
Heute sind der staatlichen Nationalparkverwaltung Finnlands nicht nur Finnen, sondern auch Ausländer sehr willkommen, die sich an der Wildnis erfreuen möchten – vorausgesetzt, die Besucher respektieren die Natur und halten sich an die festgesetzten Regeln.
Die Sehenswürdigkeiten und Schönheiten im Oulanka Nationalpark sind kaum zu zählen. Man erreicht sie am besten, indem man auf dem Karhunkierros wandert, den man sich auch gut in mehrere Abschnitte aufteilen kann. Für den 80 Kilometer langen Wanderweg braucht man normalerweise vier bis sieben Tage. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich nicht um einen Rundweg, sondern um eine Strecke, die von Norden nach Süden führt (oder umgekehrt). Der Weg ist leicht begehbar, gut markiert und unglaublich abwechslungsreich.
Lichter, frischer Kiefernwald bedeckt die hohen Bergrücken, aber er kann unvermittelt in einen märchenhaften, finsteren Fichtenwald übergehen, wo vermutlich seit Jahrhunderten die Trolle hausen.
Grüne Haine voll blühender Orchideen wechseln ab mit weiten, geheimnisvollen Mooren, an deren Rändern sich die dunklen Silhouetten von Elchen abzeichnen.
Tiefe, steilwandige Schluchten hallen vom Echo der brausenden Wassermassen, die hier in ein Flussbett gezwungen werden – aber es gibt auch stille Wasserflächen mit sanften, sandigen Ufern.
Im September, zur Zeit der Laubfärbung ("ruska"), wird der Park zu einem dramatischen Kunstwerk mit einer unbeschreiblichen Farbskala von Gold, Rot und Orange. Im Winter ist alles vom Schnee bedeckt, unter dessen Last die Fichtenzweige tief herabhängen. Im Mai verwandeln die Überschwemmungen nach der Schneeschmelze den Park in eine Sumpflandschaft. Und dann sind da die unendlich langen Tage des Sommers – mit unendlich vielen Mücken.
Doch überall und zu jeder Jahreszeit hat man hier das Gefühl, weit weg zu sein, weg vom Alltag und weg vom Gewohnten, auf der anderen Seite der Welt, die genauso wirklich ist.
Nicht, dass man als Wanderer mit der Wildnis und den Bären ganz allein wäre. Die Fußwege sind deutlich gekennzeichnet, und bei den populärsten, am leichtesten zugänglichen Attraktionen – den großen Stromschnellen und den sechs Hängebrücken – kommt es manchmal zu einem richtigen Ansturm. Mit den Stromschnellen, ihrem ewigen Donnern und Schäumen, hat es etwas Besonderes auf sich. Es lässt niemanden unberührt, und man kann an solchen Orten nicht einfach vorbeilaufen.
Am Weg findet man sieben Übernachtungshütten, in denen sich jeder gratis zur Ruhe legen kann. Es sind kleine, bescheidene Holzhütten, die früher von Rentierhirten und Waldhütern benutzt und in den fünfziger Jahren dem Nationalpark übereignet wurden. Heute sind sie ein guter Ort, um neue Bekanntschaften zu schließen. Während der Hochsaison, in den Sommermonaten und zur Ruska-Zeit im September, können die Schlafplätze allerdings knapp werden; es empfiehlt sich deshalb, ein Zelt mit auf die Wanderung zu nehmen.
Der Karhunkierros verblüfft und ärgert den müden Wanderer zuweilen damit, dass er keinen einzigen Hügel auf der Route auszulassen scheint, um sich gleich darauf so tief wie möglich ins Tal hinabzusenken. Das verdanken wir der kleinen Gruppe von Freiwilligen, die Anfang der fünfziger Jahre auf eigene Faust ein paar Farbtöpfe kauften, auf den alten Pfaden der Samen den Wald durchstreiften und das schufen, was dann Karhunkierros genannt wurde. Man wollte damit vor allem die Stromschnellen schützen, denn es gab damals noch Pläne, sie zu bändigen und als Wasserkraft zu nutzen. Die Idee der Wanderpioniere war, dass niemand, der einmal alle Schönheiten dieser Gegend erlebt habe, es übers Herz bringen würde, ein so einzigartiges und abwechslungsreiches Milieu zu zerstören.
Außerdem wollte man erreichen, dass sowohl die Wanderer als auch die Übernachtungsplätze und Feuerstellen ausschließlich auf den markierten Wegen blieben. Der Nationalpark ist nämlich bis heute ein Reservat für viele seltene und bedrohte Pflanzenarten, wie etwa die Symbolpflanze des Parks, die hellrote Norne (Calypso bulbosa). Der Name "Karhunkierros" leitet sich übrigens von einer in den dreißiger Jahren beliebten Busroute her, die in einer Schleife durch das Gebiet führte und den Fahrgästen gewöhnlich eine kurze Begegnung mit dem König des Waldes verschaffte – dem Bären.
Bären in allen Ehren – die Lebensader dieser Wanderung, der wahre Herrscher des Nationalparks, ist der Fluss Oulanka mit seinen Nebenflüssen, kleinen Wasserfällen und zahlreichen Stromschnellen. Wie eine Schlange windet er sich voran und frisst sich in die Sandbänke, manchmal tobend, dann wieder lammfromm, aber stets gegenwärtig. Er führt, er weist den Weg, er streichelt, er zeigt, wo es langgeht. Wer auf dem Karhunkierros wandert, wird von dem seltsamen Gefühl ergriffen, jenseits aller menschlichen Beziehungen einen neuen Freund gewonnen zu haben, einen Freund, den man respektiert und den man nie mehr vergessen wird – Oulanka.
Wie man hinkommt
Es gibt verschiedene Anfahrtswege zum Nationalpark. Der nächste Flughafen ist Kuusamo, mit Finnair von Helsinki aus direkt erreichbar. Spannender, exotischer und erlebnisreicher – natürlich auch zeitraubender – ist die Anreise mit dem Tages oder Nachtzug, der durch halb Finnland fährt, von Helsinki nach Kemijärvi. Information über Fahrpläne und Fahrpreise: www.vr.fi (englisch).
Von Kuusamo (60 Kilometer) oder Kemijärvi (130 Kilometer) erreicht man den Nationalpark per Mietwagen oder Bus (die Busfahrt führt über Kuusamo und dauert deshalb länger). In der Hochsaison gibt es auch eine günstige Taxiverbindung. Das "Naturum" von Oulanka ist das Herz des Nationalparks und steht für alle praktischen Fragen zur Verfügung: Tel. 00358 205 64 6850, oder oulanka@metsa.fi.
Der Fluss Oulanka eignet sich auch sehr gut für Kanu Touren.
Information über den Nationalpark im Internet: http://www.metsa.fi/natural/nationalparks/oulanka/index.htm